Cordula Hitz wusste schon als Kind, was sie werden wollte: Primarlehrerin. Doch für die 1939 in Grüsch geborene Bauerntochter war dieser Weg keineswegs selbstverständlich. Ihr Vater hielt wenig von einer langen Ausbildung für Mädchen, und das Lehrerseminar in Schiers war für die Familie zu teuer. Cordula liess sich davon nicht entmutigen. Ihre Mutter und ihre Grossmutter unterstützten sie, ebenso ein Schulinspektor, der angesichts des Lehrpersonenmangels junge Menschen für den Lehrberuf gewinnen wollte. Schliesslich besuchte sie das Lehrerseminar in Chur und wohnte während ihrer Ausbildung bei ihrer Grossmutter. Vier Jahre lang arbeitete sie als Lehrerin. Dann heiratete sie, wurde Mutter und gab den Beruf weitgehend auf.
Mario Hitz aus Sedrun träumte ebenfalls von einem anderen Leben. Der 1955 Geborene wollte Sportlehrer werden. Doch seine Eltern und Bekannten hielten den Beruf für zu unsicher und rieten ihm davon ab. Stattdessen begann er im Unterland eine Lehre als Maschinenzeichner. Nach einem Jahr kehrte er wegen starken Heimwehs nach Sedrun zurück und setzte seine Ausbildung als Werkzeugmacher fort. Seinen Beruf lernte er lieben, auch wenn sein ursprünglicher Traum unerfüllt blieb.
Cordula und Mario sind zwei von 18 Menschen, deren Lebensgeschichten im neuen Band der Schriftenreihe «Collana» der Pädagogischen Hochschule Graubünden (PHGR) erzählt werden. Die Porträts zeigen, wie Herkunft, Familie und gesellschaftliche Erwartungen die Bildungs- und Berufswege früherer Generationen prägten. Entstanden sind sie aus Gesprächen mit Menschen, die zwischen 1920 und 1970 geboren wurden. Studierende der PH Graubünden erarbeiteten insgesamt 35 bildungsbiografische Porträts, von denen 18 veröffentlicht wurden.
Im Interview erzählt die Projektleiterin Ursina Kerle, was sie an diesen Lebensgeschichten besonders beeindruckt hat und weshalb die Auseinandersetzung mit ihnen auch für angehende Lehrpersonen wertvoll ist.
Ursina, wenn du die 18 in der neuen Collana-Ausgabe beschriebenen Lebensgeschichten betrachtest: Was erzählen sie darüber, wie junge Menschen in Graubünden zwischen 1920 und 1970 ihre Zukunft gestalten konnten?
Die beschriebenen Lebensgeschichten zeigen sehr schön den damaligen Sozialisierungshintergrund junger Menschen. Dieser beeinflusste wesentlich, unter welchen Bedingungen sie aufwuchsen und welchen Lebensweg sie einschlugen. Der Wohnort, die familiäre Situation, das weitere Umfeld und nicht zuletzt das Geschlecht spielten damals eine noch viel grössere Rolle als heute. Mich hat vor allem beeindruckt, wie die Menschen damals mit ihrer persönlichen Situation umgegangen sind und was sie daraus gemacht haben.
Weshalb hat dich das beeindruckt?
Obwohl viele der interviewten Personen ihre Lebensträume nicht verwirklichen konnten, spürt man in ihren Erzählungen keine Unzufriedenheit mit ihrer Situation. Viele fanden auch mit einem anderen Lebensweg ihr Glück. Das mag aus heutiger Sicht überraschen. Die damaligen Begebenheiten und Ausbildungsmöglichkeiten wurden von den meisten aber nicht infrage gestellt. Etwa, dass Mädchen in vielen Familien zurückstecken mussten, wenn es um ihre Ausbildung ging, wogegen Buben den Vorzug erhielten. Das entsprach den gesellschaftlichen Erwartungen. Man ging davon aus, dass später die Männer für das Einkommen sorgen würden, während sich die Frauen um Haus, Hof und Kinder kümmerten. In diesen Lebensgeschichten spiegelt sich deshalb auch die damalige Gesellschaft mit ihren Vorstellungen und Denkweisen.
Gab es bei der Auswertung dieser Lebensgeschichten auch etwas, das dich persönlich beschäftigt hat?
Ja, ich habe in den jüngeren Jahrgängen dieser Porträts auch meine eigene Lebensgeschichte gespiegelt bekommen. Ich bin Jahrgang 1965, der Jüngste, den wir interviewt haben, wurde 1966 geboren. Viele dieser Porträts hätten auch meine Lebenssituation als Kind beschreiben können. Ich war selbst kein typisches Mädchen und habe mich oft darüber geärgert, dass Buben Dinge durften, die Mädchen verwehrt blieben.
Gleichzeitig gehörte ich zu einer Generation, für die sich neue Möglichkeiten eröffneten. Wir waren beispielsweise die ersten Mädchen, die Geometrieunterricht besuchen und bestimmte Wahlfächer belegen durften. Das ermöglichte mir später den Besuch des Lehrerseminars und eröffnete mir schliesslich den Zugang zu einem Hochschulstudium. Damals war mir überhaupt nicht bewusst, welche Bedeutung diese Veränderungen für meinen weiteren Bildungsweg haben würden.
Wenn man sieht, wie die Gesellschaft damals tickte, ist es eigentlich erstaunlich, dass ich heute da bin, wo ich bin: als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einer Pädagogischen Hochschule. Meine eigene Bildungsbiografie vor diesem Hintergrund zu betrachten und nachzuvollziehen, war sehr berührend und hat mich zum Nachdenken gebracht.
Deine eigene Geschichte zeigt, wie stark die Bildungschancen damals von den gesellschaftlichen Bedingungen abhingen. Auch in mehreren Porträts entsteht der Eindruck, dass von einer freien Berufswahl damals kaum die Rede sein konnte. Wie stark wurde der spätere Lebensweg damals tatsächlich durch Herkunft, finanzielle Möglichkeiten, Wohnort und Geschlecht vorgegeben?
Diese Faktoren waren sehr entscheidend. Bei Familien mit einem eigenen Betrieb stand beispielsweise oft dessen Weiterführung im Vordergrund. Es ging um die Existenz der ganzen Familie. Persönliche Berufswünsche mussten diesem übergeordneten Interesse häufig weichen. Dazu kamen die finanziellen Möglichkeiten und die geografische Lage. Gerade in Graubünden waren die Wege zu weiterführenden Schulen oder Ausbildungsstätten oft weit und mit erheblichen Kosten verbunden.
Bei Mädchen bestimmten zusätzlich die gesellschaftlichen Vorstellungen, welche Berufe überhaupt infrage kamen. Das Lehrerseminar oder die Handelsschule eröffneten ihnen beispielsweise Ausbildungsmöglichkeiten, weil diese als mädchengerecht galten. Viele Jugendliche kannten andere Möglichkeiten aber gar nicht. Auch die Eltern förderten eine höhere Ausbildung weit weniger gezielt als heute. Die Berufswahl richtete sich deshalb weniger nach den persönlichen Interessen als danach, was die Familie brauchte, was gesellschaftlich erwartet wurde und was überhaupt erreichbar war.
Besonders augenfällig sind die Lebensgeschichten von Frauen, denen eine Ausbildung teilweise mit der Begründung verwehrt wurde, dass sie später ohnehin heiraten würden. Was zeigen diese Biografien über die damaligen Bildungschancen von Mädchen in Graubünden?
Es gab teilweise sehr extreme Fälle. Einige Mädchen mussten in fremden Haushalten arbeiten, um die Ausbildung ihrer Brüder mitzufinanzieren oder generell zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Die eigenen Ausbildungswünsche standen dabei im Hintergrund. Das zeigt, wie selbstverständlich damals davon ausgegangen wurde, dass die Bildung der Buben wichtiger sei, und wie stark die familiäre Existenz und die gesellschaftlichen Erwartungen den Bildungsweg von Mädchen bestimmten.
Gleichzeitig tauchen in den Lebensgeschichten immer wieder Menschen auf, die einen entscheidenden Unterschied machten – Lehrpersonen, Pfarrer, Verwandte oder andere Bezugspersonen. Wie wichtig waren solche «relevanten Dritten» für die Zukunft junger Menschen?
Sie konnten eine entscheidende Rolle spielen. Oft waren es Lehrpersonen, Pfarrer, Verwandte oder Bekannte, die mehr über Ausbildungsmöglichkeiten wussten und auf deren Rat die Eltern hörten. Manchmal genügte ein Hinweis, dass es in Chur beispielsweise eine Handelsschule oder ein Lehrerseminar gab. Solche Begegnungen eröffneten den Jugendlichen Wege, auf die sie in ihrem unmittelbaren Umfeld möglicherweise nicht gekommen wären. Gerade für Kinder, die ihr Dorf kaum verliessen, konnten diese Menschen wichtige Türen öffnen.
Also waren es teilweise zufällige Begegnungen, die über den weiteren Lebensweg entschieden?
Ja, durchaus. Das konnten Begegnungen im Bekanntenkreis sein, aber auch während eines Ferienaufenthalts bei Verwandten. Man muss bedenken, dass es damals noch keine systematische Berufswahlvorbereitung gab, wie wir sie heute aus der Oberstufe kennen. Die Jugendlichen wurden nicht gezielt dabei unterstützt, ihre Fähigkeiten und Interessen zu erkunden oder verschiedene Berufe kennenzulernen. Umso wichtiger waren Menschen, die ihnen neue Möglichkeiten aufzeigten.
Ist dir eine Lebensgeschichte aus den Porträts besonders in Erinnerung geblieben?
Ja, beispielsweise die Geschichte eines Jungen, der in verschiedenen Kantonen zur Schule gegangen war. Als er nach Graubünden kam, wurde sein bisheriges Schulzeugnis nicht anerkannt, und er musste die Aufnahmeprüfung für die Sekundarschule erneut ablegen. Obwohl er ein guter Schüler war und die Voraussetzungen für die Kantonsschule mitgebracht hätte, wollte sein Vater, dass er zuerst etwas «Rechtes» lerne. Sein Wunsch, Pilot zu werden, scheiterte schliesslich auch an einem Nierenleiden, aufgrund dessen er als dienstuntauglich eingestuft wurde.
An dieser Geschichte sieht man sehr schön, wie unterschiedliche Faktoren zusammenspielten: kantonale Unterschiede im Schulsystem, gesellschaftliche Vorstellungen über eine sinnvolle Ausbildung und schliesslich gesundheitliche Einschränkungen. Der persönliche Berufswunsch allein war häufig nicht ausschlaggebend.
An der Erarbeitung der Lebensgeschichten waren auch Studierende der PH Graubünden beteiligt. Was können angehende Lehrpersonen aus der Auseinandersetzung mit den Bildungsbiografien früherer Generationen für ihre heutige Arbeit mitnehmen?
Aus der Biografieforschung wissen wir, dass Lehrpersonen, die sich mit ihrer eigenen Bildungsbiografie auseinandersetzen, ihre Schüler:innen besser verstehen und begleiten können. Genau dazu regt dieses Projekt an. Indem die Studierenden Menschen früherer Generationen interviewen, erfahren sie, unter welchen Bedingungen diese aufgewachsen sind, wie sie Schule erlebt haben und welche Möglichkeiten ihnen offenstanden.
Gleichzeitig werden sie angeregt, über ihren eigenen Werdegang nachzudenken. Diese Reflexion kann ihnen helfen, einen differenzierteren Blick auf die Lebenssituationen ihrer Schüler:innen zu entwickeln und deren individuelle Voraussetzungen besser zu verstehen.
Wenn wir diese Lebensgeschichten aus heutiger Sicht lesen: Welche Fragen, die die Menschen damals beschäftigt haben, sind verschwunden – und welche stellen sich junge Menschen bei der Gestaltung ihrer Zukunft vielleicht bis heute?
Die gesellschaftlichen Vorstellungen darüber, welche Berufe für Mädchen oder Jungen geeignet sind, haben sich deutlich verändert. Heute stehen jungen Menschen grundsätzlich viel mehr Ausbildungswege offen. Trotzdem gibt es Themen, die bis heute aktuell geblieben sind. Dazu gehört beispielsweise die Bedeutung der Familie. Wenn ein Elternteil schwer erkrankte oder starb, mussten Jugendliche früher häufig ihre eigenen Wünsche zurückstellen, um zu Hause mitzuhelfen oder den Familienbetrieb zu sichern.
Auch heute können familiäre Schicksalsschläge die Zukunftspläne junger Menschen beeinflussen. Allerdings gibt es inzwischen wesentlich mehr Unterstützungsangebote und Möglichkeiten, eine eigene Ausbildung trotzdem weiterzuführen. Die Frage, wie sich persönliche Wünsche mit familiären Verpflichtungen vereinbaren lassen, stellt sich also weiterhin – wenn auch unter anderen Voraussetzungen.