Forschungsziel
Das Ziel des interdisziplinären Projekts Archäologisches Museum für Gegenwart (AMuG) ist der Einblick, wie 11- bis 12-Jährige in peripheren Talschaften des Kantons Graubünden durch die Realisierung eines interdisziplinären Museums kulturelle Teilhabe erleben: Die Primarschulkinder setzen sich dabei historisch, künstlerisch und im Sinne der Nachhaltigen Entwicklung mit Überresten aus ihrer lokalen Umgebung auseinander. Sie bringen dafür alte und neue Überreste in den Unterricht und prüfen, inwiefern es sich um Kulturgüter handelt [1]. Anschliessend planen, entwickeln und realisieren sie eine zweiteilige Ausstellung in einem nicht mehr gebrauchten Stall: in der einen Kammer durch die Rekonstruktion geschichtlicher Zusammenhänge (Geschichte/Fakten) mit älteren Überresten, in der anderen Kammer durch die Transformation mittels künstlerischer Praxis mit neueren Überresten (Geschichten/Fiktionen). Dabei soll untersucht werden, welche interdisziplinären Lernprozesse sich im Zusammenwirken von Bildnerischem Gestalten und Geschichte herausbilden.
Theoretischer Hintergrund
Rekonstruktive und dekonstruktive Denkvorgänge gelten als zentrale Kompetenzen historischen Lernens. Durch die Arbeit mit unterschiedlichen Quellen und widersprüchlichen Darstellungen erhalten Lernende Gelegenheiten, den Konstruktcharakter von Geschichte zu erkennen, verschiedene Perspektiven zu berücksichtigen und historische Deutungen kritisch zu hinterfragen (vgl. Kübler 2018). Dekonstruktive Zugänge sind gleichermassen für die Auseinandersetzung im Fach Kunst (Bildnerisches Gestalten) wichtig. Sie bilden die Grundlage, um Sachverhalte anders zu betrachten, weil darauf aufbauend transformative Prozesse hin zu eigenen Ideen freigesetzt werden können (vgl. Mörsch, 2009).
Basierend auf Lee und Ashbys Konzept des domain-specific knowledge (vgl. Lee & Ashby, 2000) wird davon ausgegangen, dass historisches Denken nur dann möglich ist, wenn Lernende über ein grundlegendes Repertoire an inhaltlichem Wissen verfügen. Faktenkenntnisse («substantives Wissen») bilden nach Lee und Ashby die notwendige Voraussetzung, um komplexere historische Denkprozesse («second-order concepts») – wie das Arbeiten mit Quellen, das Entwickeln von Narrationen oder das Einnehmen unterschiedlicher Perspektiven – überhaupt leisten zu können. Ein vergleichbarer domänenspezifischer Zugang zeigt sich auch im künstlerischen Arbeiten. Auf der Grundlage ästhetischer Erfahrungen und Wissensbestände treffen die Lernenden begründete Entscheidungen, handeln Bedeutungen aus und reflektieren Gestaltungsprozesse. Das Projekt greift diese theoretische Grundlage auf, indem es Lerngelegenheiten schafft, in denen SuS – entsprechend ihrer jeweiligen Fachdomäne – eigene historische Rekonstruktionen entwickeln oder künstlerisch-ästhetische Praktiken explorieren, transformieren und kritisch reflektieren. Von Interesse ist, ob und wie ein interdisziplinärer Zugang sich auf disziplinäres Denken auswirkt. Interdisziplinarität versteht Frédéric Darbellay (2012) als erkenntnistheoretisch fundierte Wissensproduktion, bei der disziplinäre Grenzen gezielt überschritten werden. Darauf aufbauend lautet die zentrale Fragestellung: Inwiefern unterstützt bzw. hemmt die interdisziplinäre Herangehensweise das historische Denken (rekonstruktiv, dekonstruktiv) und die künstlerische Praxis (dekonstruktiv, transformativ) von Kindern der 5./6. Primarklasse in peripheren Talschaften des Kantons Graubünden im Rahmen der partizipativen Realisierung eines Museums in einem leerstehenden Stall?
Forschungsdesign und -methode
Die Entwicklung und Durchführung des Projekts folgt dem Ansatz des Educational Design Research (EDR). Dieser methodische Zugang erweist sich für komplexe interdisziplinäre Lehr- und Lernarrangements als besonders geeignet, da das Unterrichtssetting in iterativen Zyklen aus Analyse, Design, Evaluation und Revision systematisch weiterentwickelt wird (vgl. McKenney & Reeves, 2018). Auf dieser Grundlage wurden die bisherigen Durchführungen des AMuG-Projekts in Valendas (2023) und Flerden (2025) analysiert. Aktuell lassen sich zwei zentrale Befunde ableiten, die für die Weiterentwicklung des Projekts richtungsweisend sind:
1. Domänenspezifisch definierte Einheiten bieten Primarschulkindern eine zentrale Orientierung und bilden die Grundlage für einen multiperspektivischen Zugang zur fachübergreifenden Projektanlage. Dies führt zu einer bewussten Verschiebung von einer transdisziplinären hin zu einer interdisziplinären Unterrichtsanlage.
2. Mit dem gezielten Einplanen von Reflexionsmomenten sollen die Lernenden in der kritischen Prüfung eigener und fremder Ideen, in ihrer Entscheidungsfindung und in der Verantwortungsübernahme weiter gestärkt werden. Die Konzeption der Aufgabenanlagen wird dahingehend überarbeitet.
[1] Grundlage bildet dafür die Checkliste «Kulturgut» gemäss Bundesamt für Kultur (BAK), downloadbar unter dem folgenden Link: https://www.bak.admin.ch/bak/de/home/kulturerbe/kulturguetertransfer/was-versteht-das-kulturguetertransfergesetz--kgtg--unter-einem-k.html
Bibliografie
Darbellay, F. (Hg.) (2012). La circulation des savoirs. Interdisciplinarité, concepts nomades, analogies, métaphores. Bern: Peter Lang.
Kübler, M. (2018). Zeit, Dauer und Wandel verstehen – Geschichte und Geschichten unterscheiden – Historisches Lernen bei 4- bis 11-jährigen Kindern. In M. Adamina et. al. (Hg.), «Wie ich mir das vorstelle …». Vorstellungen von Schülerinnen und Schülern zu Lerngegenständen des Sachunterrichts und des Fachbereichs Natur, Mensch, Gesellschaft (231-252). Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
Lee, P. & Ashby, R. (2000). Progression in Historical Understanding among Students Ages 7–14. In P. Stearns, P. Seixas & S. Wineburg (Hrsg.), Knowing, Teaching, and Learning History. National and International Perspectives (S. 199–222). New York: New York University Press.
McKenney, S., & Reeves, T. C. (2018). Conducting educational design research (2nd ed.). Routledge.
Mörsch, C. (2009). Am Kreuzungspunkt von vier Diskursen: Die documenta 12 Vermittlung zwischen Affirmation, Reproduktion, Dekonstruktion und Transformation. In C. Mörsch (Hg.), Kunstvermittlung II (9-34). Zürich-Berlin: Diaphanes.