Herr Düggeli, die Einteilung nach Leistungsniveaus folgt einem einleuchtenden Versprechen: Wenn wir Jugendliche nach ihren Leistungen gruppieren, können wir sie gezielter fördern. Hält die Sekundarstufe I dieses Versprechen?
Nur bedingt. Dafür müssten wir die Jugendlichen jeweils dem passenden Leistungsniveau zuteilen. Genau das gelingt nicht immer. Je nach Kanton werden Prüfungen, Vornoten, die Einschätzung der Lehrperson oder sogar das Verhalten zur Selektion beigezogen und unterschiedlich stark gewichtet. Damit sind viele Probleme verbunden.
Welche Probleme entstehen dadurch?
Beispielsweise können leistungsfähige Jugendliche benachteiligt werden, weil ihr auffälliges Verhalten als Zeichen mangelnder Leistungsfähigkeit gedeutet wird. Es kann aber eine Reaktion auf unterfordernden Unterricht sein. Zudem können Kinder im Vorteil sein, deren Eltern das Schulsystem gut kennen und über ausreichend finanzielle Mittel verfügen, um sie mit zusätzlichen Lernangeboten gezielt auf den Übertritt vorzubereiten. Dann hängt die Zuteilung nicht allein von der Leistungsfähigkeit ab, sondern auch von der familiären Herkunft der Kinder.
Durch die Zuteilung entstehen Klassen als Lernmilieus. Diese beeinflussen auch die weitere Entwicklung und die späteren Bildungswege der Lernenden. Fehlzuteilungen können also individuelle Chancen beeinträchtigen und gesellschaftlich wertvolles Potenzial ungenutzt lassen.
Die Zuteilung bestimmt also auch, mit wem Jugendliche lernen. Wie kann die Zusammensetzung einer Klasse die Jugendlichen über ihre messbare Leistung hinaus beeinflussen?
Wir reden oft über Leistung, ohne die Bewertungssituation mitzudenken. Anhand ihrer Noten entwickeln Jugendliche auch eine Vorstellung davon, was sie können. Dies hängt jedoch auch davon ab, wie sie im Vergleich mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern abschneiden. Je nachdem, ob sie dabei zu den Besseren oder Schlechteren gehören, stärkt oder schwächt es ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Für leistungsschwächere Jugendliche kann das Lernen in einer leistungsstarken Klasse deshalb belastend sein: Selbst eine objektiv gute Note kann sich wie ein Misserfolg anfühlen, wenn fast alle anderen besser abschneiden. Solche Erfahrungen können sich auch auf ihre späteren Bildungsentscheidungen auswirken, weil sie ihre Fähigkeiten verzerrt einschätzen oder im schlimmsten Fall ihr Vertrauen in ihre oft guten Fähigkeiten gänzlich verlieren
Betrifft das nur leistungsschwächere Jugendliche?
Nein, selbstverständlich betrifft das auch die Leistungsstärkeren. Auch sie messen ihre Leistung daran, wie die anderen in ihrer Klasse abschneiden. So können am Gymnasium der Wettbewerb und der Vergleich mit anderen an der Leistungsspitze ebenfalls das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten beeinträchtigen und einen grossen Leistungsdruck erzeugen. Die Leistungsbeurteilung lässt sich deshalb nicht von der persönlichen Entwicklung trennen.
Lässt sich aus der Forschung ableiten, welches Schulmodell am besten funktioniert?
Bildungsforschung liefert selten Rezepte, die sich unmittelbar auf jede Schule übertragen lassen. Sie kann aber zeigen, welche Chancen und Risiken unterschiedliche Modelle unter verschiedenen Bedingungen mit sich bringen. Jede Einteilung schafft neue Gruppen, deren Zusammensetzung die Entwicklung beeinflusst. In Klassen mit ähnlichem Leistungsstand lässt sich der Unterricht möglicherweise gezielter gestalten. In gemischten Klassen können Jugendliche fachlich und sozial voneinander profitieren. Entscheidend ist nicht allein das Modell, sondern auch, wie der Unterricht konzipiert wird, wie Schulen mit Unterschieden umgehen und ob eine anfängliche Zuteilung später noch korrigiert werden kann.
Was sollen die Gäste aus dem Wissenschaftscafé mitnehmen?
Wir betrachten die Sekundarstufe I aus drei Perspektiven: ihrer Geschichte, den tatsächlichen Bildungswegen und der persönlichen Entwicklung der Lernenden durch den Unterricht. Spannend wird sein, wo sich diese Blickwinkel ergänzen – und wo sie zu unterschiedliche Schlussfolgerungen und Konsequenzen für das Handeln ergeben. Das Publikum wird keine einfachen Antworten erhalten, sondern Anregungen, um die Diskussion in Schulen, an Elternabenden und in den Gemeinden weiterzuführen.