Sie haben vor zweieinhalb Jahren den CAS Unterrichtsentwicklung mit dem Churermodell an der PH Graubünden absolviert. Was setzen Sie davon im Unterricht um?
Sehr vieles! Aber am meisten geblieben ist mir das Gefühl, mit den eigenen Visionen nicht allein zu sein. Der Austausch mit Gleichgesinnten war für mich besonders gewinnbringend. Alle haben von «ihrem eigenen» Churermodell, den Erfolgen und den Stolpersteinen erzählt. Daraus konnte ich vieles im eigenen Unterricht adaptieren. Dieses Miteinander war für mich die grösste Inspiration. Ich kam im CAS an einen Ort, wo alle gleich dachten und dasselbe Ziel verfolgten.
Die Inputs im Modul «Lernen öffnen», wo es auch darum geht, die Beurteilung weiter- oder neuzudenken, haben mich besonders geprägt. Dabei ging es nicht darum, Beispiele eins zu eins in den eigenen Unterricht zu kopieren. Es ging viel mehr um die Haltung, welche hinter dem Lernen mit Lernaufgaben und der dazugehörenden Beurteilung steckt.
Wie und wann haben Sie zum ersten Mal gespürt: Das ist mehr als eine Methode; das verändert die Lernkultur?
Ich startete als Junglehrperson an einer relativ grossen Schule. Ich wollte im Churermodell unterrichten und der Schulleiter ermutigte mich, es auszuprobieren. Ich merkte schnell: Das liegt mir, die Kinder kommen sehr gerne zur Schule. Sie sind motiviert, selbständig und selbstwirksam. All das prägte auch das Lernklima. Die Schulkinder waren völlig auf sich konzentriert, ohne sich ständig mit anderen vergleichen zu wollen. Man gibt Kontrolle ab und setzt mehr auf das Vertrauen in die Kinder. Zudem waren Rückmeldungen der Eltern sehr positiv und interessiert.
Dann beginnt die Unterrichtsentwicklung also nicht ganz banal beim Möbelrücken sondern bei der Haltung?
Ganz klar bei der Haltung. Ich rate jeder Lehrperson, zuerst ihre eigene Haltung zu reflektieren, bevor sie mit dem Churermodell startet. Sie muss sich Gedanken dazu machen, worauf sie in ihrem bisherigen Unterricht nicht verzichten und wo sie Änderungen vornehmen will, ohne dabei ihre Authentizität zu verlieren. Die Lehrperson muss mit ganzem Herzen dahinterstehen.
Die Unterrichtsform ist viel offener. Die Kinder müssen herausfinden, an welchen Lernorten sie konzentriert arbeiten können. Die Lehrperson gibt Ziele vor und stellt dazu Lernaufgaben auf verschiedenen Niveaus zur Verfügung. Die Kinder entscheiden individuell, welche Lernaufgabe sie für die Zielerreichung benötigen. Beim regelmässigen Gespräch mit der Lehrperson reflektiert das Kind, was es zum Lernen braucht.
Das Churermodell verlangt von der Lehrperson grosse Präsenz. Sie beobachtet, wer welche Lernaufgabe aussucht, wie der Lernort gewählt und eingerichtet wird. Es gibt immer auch Kinder, die enger begleitet werden müssen. Aber generell ist jeder und jede mit sich und seinem Lernen beschäftigt.
Was passiert mit einer Klasse, wenn man Tische und Stühle reduziert und den Raum neu denkt?
Es ist ein langer Weg, jede Klasse reagiert anders. Einige Schülerinnen und Schüler lassen sich sofort darauf ein und übernehmen schnell die Verantwortung über ihr eigenes Lernen. Andere brauchen noch länger Struktur. Eigenverantwortliches Lernen geht nicht von heute auf morgen. Es braucht viel Zeit für die Einführung, Reflexionen, allenfalls Änderungen sowie Lerngespräche mit den Kindern usw. Eine Lehrperson kann das Modell aber auch in kleinen Schritten einführen. Und manchmal muss sie wieder einen Schritt rückwärtsgehen, wenn etwas nicht funktioniert.
Viele Schulhäuser haben enge Platzverhältnisse. Was antworten Sie Lehrpersonen, die sagen: „Bei uns geht das nicht“? Was kann ohne Budget umgesetzt werden?
Dann frage ich jeweils: «Was geht nicht?» Vor allem bei schwierigen Platzverhältnissen, lohnt es sich «Arbeitsplätze» neu zu denken. Ich spreche dann bewusst nicht mehr vom Arbeitsplatz sondern vom Lernort. Denn nicht jeder Lernort braucht einen Tisch. Auch der Boden, ein kleiner Bodentisch, eine Bank, eine Fensterbank usw. ist ein Lernort. Ich rate, nur noch Tische für zweidrittel der Schülerinnen und Schüler zur Verfügung zu stellen. So wird Platz frei für andersartige Lernorte. Schulzimmer sollten nicht mit Material vollgestellt, Fensterbänke nicht als Ablage genutzt werden, sondern in Lernorte umfunktioniert werden. Alles, was eine Lehrperson nicht wöchentlich benötigt, soll weggeräumt werden. Auch die Ecke für die Lehrperson müsste oft nicht so viel Raum einnehmen. Es gilt, das Beste aus der Situation zu machen.
Weshalb empfehlen Sie die Weiterbildung zum Churermodell an der Pädagogische Hochschule Graubünden?
Weil es unglaublich viel Mut macht, Neues zu wagen. Weil man es kaum abwarten kann, bis der nächste Input folgt. Weil man von Fachpersonen beraten wird und in andere Schulzimmer und Schulalltage blicken darf und sich dabei immer wieder inspiriert fühlt.