Franca Caspani und Carol Vladani, Studiengangsleitung Kindergarten und Primarschule an der Pädagogischen Hochschule Graubünden (PHGR).

Interview
«Die Ausbildung zur Lehrperson hat sich gewandelt, weg von der Wissensvermittlung hin zur Kompetenzorientierung.»

Franca Caspani und Carol Vladani übergeben per Anfang Februar 2026 die Studiengangsleitung Kindergarten und Primarschule in neue Hände. Im Interview sprechen sie über die Entwicklung in der Lehrpersonenausbildung.

Wenn ihr auf eure Zeit als Studiengangsleitende zurückblickt: Was war für euch persönlich die grösste Motivation?

Franca Caspani: Meine Tätigkeit lebt von sozialen Kontakten und von Kooperation, sowohl mit den Mitarbeitenden wie auch mit Studierenden und den Schulen. Diese zwischenmenschlichen Komponenten sowie der ständige Austausch waren für mich die grösste Quelle der Motivation.

Carol Vladani: Wenn eine Lehrperson aufgrund ihrer Ausbildung an der PH Graubünden beispielsweise einen sehr fortschrittlichen und fundierten Deutschunterricht bietet, profitieren viele Schüler:innen über Jahre hinweg. Die Lehrperson wirkt also auch als Multiplikator. Diese Rolle den künftigen Lehrpersonen bewusst zu machen und sie darin zu stärken, war eine Hauptmotivation für mich. 

Welche Entwicklungen haben die Lehrpersonenbildung besonders geprägt?


Franca Caspani:
Ich bin seit über 20 Jahren an der Pädagogischen Hochschule Graubünden tätig, seit über 10 Jahren als Ressort- bzw. Studiengangsleiterin. In dieser Zeit habe ich mit vier aufeinanderfolgenden Lehrplänen gearbeitet. Die wichtigsten Entwicklungen an der PH Graubünden sind sicher die Tertiarisierung, die Individualisierung sowie die Digitalisierung. Die Arbeit war und ist noch immer extrem vielfältig, kreativ und spannend.

Carol Vladani: Ich war über zehn Jahre Dozent an der Pädagogischen Hochschule St.Gallen, während vier Jahren Co-Studiengangsleiter in einem gemeinsamen Sek I-Studiengang der PH St.Gallen und der PH Graubünden, nun eineinhalb Jahre Studiengangsleiter hier in Chur. In dieser Zeit ist der Lehrberuf sicher anspruchsvoller geworden, insbesondere aufgrund der bereits genannten Entwicklungen. Hinzu kommen die steigenden Anforderungen an die Kommunikationsfähigkeit von Lehrpersonen und ein hohes Mass an Selbstreflexion in der Praxis.

Gab es weitere Neuerungen?


Carol Vladani:
Die Ausbildung hat sich gewandelt, weg von der Wissensvermittlung hin zur Kompetenzorientierung. Die Inhalte sind theorie- und wissenschaftsbasiert, nicht wie früher sogenannte Best Practice, was ein riesiger Gewinn bedeutet. Was wir unseren Studierenden mitgeben, stützt sich auf eine fundiert abgestützte theoretische Basis, immer mit Blick auf die Praxis. Der Lernprozess rückte verstärkt in den Fokus. Die Lehrperson ist nicht einfach Vermittlerin, sie ist auch Erzieherin. Sie muss fähig sein, im Schulzimmer schwierige Situationen zu lösen. Und sie muss ihr Handeln immer begründen können. Das sind Inhalte, die seit einigen Jahren vermehrt in die Lehrpersonenbildung einfliessen. 

Franca Caspani: Neu ist zudem die Bildung für die nachhaltige Entwicklung. Nachhaltigkeitskompetenzen im ökologischen, ökonomischen und sozialen Bereich haben klar an Bedeutung gewonnen. Weiter bieten wir Medienbildung/Medienkompetenz sowie mehr Module für Informatik, auch in Verbindung mit anderen Disziplinen. Bei der Medienbildung geht es neben den sozialen Medien auch um die Fähigkeit zur Beurteilung, ob eine Quelle verlässlich ist oder nicht. Es geht sowohl um Anwendungskompetenz wie auch um die Entwicklung eines kritischen Umgangs mit den verschiedenen Medien. 
Ein grosser Schritt ist der Studiengang für den Zyklus 1, d.h. Kindergarten inkl. erste und zweite Primarklasse, den wir seit 2022 anbieten. Ausgehend von HarmoS setzen wir damit den Trend um, den Übergang von Kindergarten zur Primarschule sanfter zu gestalten. Unsere Hochschule ist in den vergangenen Jahren zudem stark gewachsen. Als ich hier meine erste Stelle antrat, hatten wir zirka 200 Studierende. Heute sind es über 600.  


Hat sich das Profil der Studierenden im Laufe der Jahre verändert?

Franca Caspani: Es sind vermehrt Leute hier, die bereits in einem Beruf gearbeitet haben und mehr Lebenserfahrung mitbringen. Das wirkt sich höchst spannend im Unterricht aus, weil verschiedene Perspektiven, Bedürfnisse und Erfahrungen aufeinandertreffen. Viele der angehenden Studierenden sind bereits sehr gut informiert, wenn sie bei uns anklopfen. Sie wissen, was an den verschiedenen PHs angeboten wird, was wo möglich ist. Das erachte ich als sehr positiv. Sie entscheiden sich bewusster für eine bestimmte Pädagogische Hochschule.

Carol Vladani: Insgesamt finden wir unter den Studierenden eine grössere Vielfalt an Voraussetzungen vor. Dies ist bedingt durch die vielfältigeren Zulassungswege, aber auch durch das, was die Studierenden mitbringen. Wir stellen fest, dass die Studierenden eine stärkere Sensibilität für Belastung und Work-Life-Balance vorweisen. Gleichzeitig stellen sie höhere Erwartungen an die Begleitenden und an die Strukturen im Studium. Also kommen sie mit einer ausgeprägten Erwartungshaltung zu uns, was die Qualität der Lernhinhalte anbelangt. 


Stellt ihr Veränderungen im Umgang mit Studierenden fest, etwa in Bezug auf Lernverhalten oder Belastbarkeit?

Carol Vladani: Die angehenden Studierenden tauschen sich über die neuen Kommunikationskanäle aus. Sie wissen, wie es an den verschiedenen Hochschulen läuft. Damit einher gehen eine gesteigerte Erwartung an die Transparenz und die Rückmeldung ihnen gegenüber. Der Studienalltag an einer Hochschule ist grundsätzlich weniger schulisch als an der Mittelschule, jedoch stärker modularisiert. Es wird mehr auf Eigenständigkeit und Eigenverantwortung gesetzt. Das stellt einige Studierende vor Herausforderungen.

Franca Caspani: Diesen letzten Aspekt kann ich bestätigen. Die Fälle von Beratungen haben zugenommen. Zudem stellen wir fest, dass es früher viele Studierende gab, die ein Gastsemester im Ausland oder an einer anderen PH absolvierten. Das hat in den letzten Jahren abgenommen. Wir kooperieren noch immer mit Hochschulen im Ausland, aber die Nachfrage ist rückläufig, auch an anderen PHs.


Wie wirken sich Veränderungen wie KI oder Diversität auf die Ausbildung von Lehrpersonen aus?

Carol Vladani: KI hat massive Auswirkungen auf den Studienbetrieb selbst und auch auf die Tätigkeit der Lehrpersonen. Es ist uns als Hochschule wichtig, dass wir KI als Werkzeug verstehen. KI ist Bestandteil der Lehrpersonenausbildung geworden. Wie sieht ein sinnvoller Umgang mit KI aus? Dies ist ein Aspekt, der ins Studium einfliesst. Diversität ist in Primarklassen nicht neu, sondern der Normalfall, was selbstverständlich einfliesst in die Ausbildungsinhalte. Wir sehen es als unsere Aufgabe, in der Bildung die gesellschaftlichen Veränderungen zu antizipieren.

Franca Caspani: KI ist ein wichtiges und hochaktuelles Thema. Die PH Graubünden führt eine KI-Offensive durch, um Dozierende und andere Mitarbeitende zu schulen. KI hat aber auch Einfluss auf die Leistungsüberprüfung, zum Beispiel, wie der Leistungsnachweis zu definieren ist. Den Studierenden soll gezeigt werden, dass KI ein Werkzeug ist, das sinnvoll genutzt werden kann, um Ideen zu generieren oder um Texte zu revidieren usw. Aber die Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand muss immer noch stattfinden. Sie braucht Zeit und kann anstrengend sein. Nur auf diese Weise gibt es einen Lernzuwachs. 


Welche Rolle spielt heute der Umgang mit Eltern in der Ausbildung von Lehrpersonen?

Franca Caspani: Unsere Aufgabe ist es, die künftigen Lehrpersonen so weit zu bringen, dass sie einen guten Umgang mit Eltern pflegen können, und zwar in einer Kooperation. Dafür muss man sie stärken in ihrer Professionalisierung, damit sie als Expertinnen und Experten mit guten Argumenten auftreten können. Eltern können herausfordernd sein und sie haben eigene Argumente. Sie wollen die eigenen Kinder schützen und vorwärtsbringen. Als Lehrperson ist es eine wichtige Aufgabe, ein gutes Verhältnis zu den Eltern aufzubauen, was letztlich dem Kind zugutekommt. Vor allem in den Modulen der Erziehungswissenschaften wird das Thema aufgegriffen. Elternarbeit ist immer wieder Thema, auch in Praktika und schwerpunktmässig im letzten Ausbildungsjahr. Die Stärkung und die Unterstützung muss jedoch nach Ende der Ausbildung beim Berufseinstieg und in den ersten Jahren des Berufs gewährleistet sein. Dafür bieten wir Weiterbildungen an. Auch in unserer Rolle als Studienleitende spüren wir, dass die Eltern der Studierenden im Hintergrund präsent sind. So müssen wir, was wir bei den Studierenden aufbauen wollen, bei uns selbst kultivieren. 

Welche Entwicklungen wünscht ihr euch konkret für zukünftige Lehrpersonen? Wo seht ihr diesbezüglich das Potenzial und die Chance der PH Graubünden?

Carol Vladani: Ich erlebte die PH Graubünden als eine innovative und persönliche
Hochschule mit klaren Schwerpunkten. Ich hoffe, dass sie auch angesichts des Wachstums ihre Stärken beibehalten kann, die Nähe, die wir haben, das Persönliche, die direkten Wege über alle Stufen hinweg. Dass sie die Überschaubarkeit beibehalten kann. Denn die PH Graubünden ist sehr gut unterwegs. 

Franca Caspani: Ich bleibe der PH Graubünden weiterhin treu, jedoch in einer neuen Funktion. Ich fasse meine Wünsche mit drei Ks zusammen. Das erste K steht für Kompetenz. Ich wünsche der PH, dass sie weiterhin kompetente Lehrpersonen in allen drei Kantonssprachen ausbilden kann, die im Schulalltag bestehen können. Das zweite K ist die Kooperation. Ich schätze die familiäre Atmosphäre für Studierende und Mitarbeitende an der Hochschule. Die Arbeit und Ausbildung sollen weiterhin von zwischenmenschlichem Respekt charakterisiert sein. Das dritte K steht für Kreativität. Ich erlebe die Arbeit an der PH als inspirierend und anregend, insbesondere auch im Umgang mit der gelebten Mehrsprachigkeit an unserer Hochschule.

Dr. Franca Caspani wechselt innerhalb der Pädagogischen Hochschule Graubünden (PHGR) in das Prorektorat Forschung und Entwicklung, wo sie als Co-Leiterin das Lehrmittel Orbita mitverantwortet.

Carol Vladani wurde in die Hochschulleitung der PH Thurgau gewählt und tritt dort seine Stelle am 1. Februar an.

Martin Gehrig wird neuer Studiengangsleiter Kindergarten und Primarschule

Martin Gehrig unterrichtet seit 17 Jahren als Dozent für Erziehungswissenschaften an der PH Graubünden. In dieser Zeit engagierte er sich für die Weiterentwicklung der Ausbildung, sei es als Fachbereichsleiter Erziehungswissenschaften, als Mitglied des D-EDK-Netzwerks Beurteilen oder als Modulverantwortlicher für die Bachelorarbeiten. Er verfügt über ein Lehrdiplom Primarschule und ein Lizenziat in Erziehungswissenschaften. Martin Gehrig übernimmt ab dem 1. Februar 2026 die Studiengangsleitung von Franca Caspani und Carol Vladani.

Lehrperson werden – Bachelorstudium: Kindergarten und Primarschule (1.–2.)

Möchten Sie Lehrer:in werden und Kinder vom Kindergarten bis in die zweite Klasse fördern und begleiten? Als Lehrperson helfen Sie den Kindern, sich ihren Interessen entsprechend zu entwickeln. An der Pädagogischen Hochschule Graubünden (PHGR) lernen Sie, wie Sie Inhalte didaktisch aufbereiten und eine positive Atmosphäre im Klassenzimmer schaffen.

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Lehrperson werden – Bachelorstudium: Primarschule (1.–6.)

Werden Sie Lehrer:in für die Primarschule und begleiten Sie Kinder von der ersten bis zur sechsten Klasse. Sie schaffen Lerngelegenheiten, die den Schüler:innen eine optimale Weiterentwicklung ermöglichen. Die Pädagogische Hochschule Graubünden (PHGR) bereitet Sie praxisnah auf den Unterricht in sämtlichen Fächern des Lehrplans vor und zeigt Ihnen, wie theoretische Modelle direkt angewendet werden können.

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Veranstaltung: Schnuppertag: Bachelor-Studiengänge Kindergarten und Primarschule

An unserem Schnuppertag erhalten Sie die einmalige Möglichkeit, Hochschulluft zu schnuppern.

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Mobilität: International Office

Das International Office (IO) der PH Graubünden ist Teil der Stabsstelle Kantonssprachen. Es koordiniert die Partnerschaften der Hochschule mit anderen auf Bildung spezialisierten Hochschulen in der Schweiz und im Ausland. Das IO fördert die Mobilität und koordiniert alle Austauschmöglichkeiten für Studierende und für das Personal der PH Graubünden (Outgoing) und ist auch die erste Anlaufstelle für alle externen Studierenden und Mitarbeitenden, die sich für ein Austauschsemester oder ein Kurzzeitprogramm an der PH Graubünden interessieren (Incoming).

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