«Man hat sich für die Stärkung der einzelnen Idiome entschieden»

Ein Projektleiter der PH Graubünden erklärt, wie herausfordernd es ist, Sprachlehrmittel zu realisieren. Mit Rico Cathomas sprach Magdalena Ceak.

In den letzten Jahren ist es der Pädagogischen Hochschule (PH) Graubünden – im Auftrag des Kantons Graubünden - gelungen, eine Sprachlehrmittelreihe in den romanischen Idiomen Sursilvan, Sutsilvan, Puter und Vallader zu entwickeln. Mit Mediomatix - abgeleitet von meds d'instrucziun idiomatics - sind innovative, analoge, digital einsetzbare und Lehrplan-21-kompatible Lehrmittel für den Romanischunterricht der zweiten bis neunten Klasse entstanden. Aktuell und bis 2029 arbeitet die verantwortliche Projektgruppe an den Publikationen im Idiom Surmiran. Damit wird erstmals in der Geschichte der Schulen in Romanischbünden einheitliche Sprachlehrmittel in den fünf Idiomen gewährleistet.

Im Interview erklärt Rico Cathomas, Mediomatix-Projektleiter und Leiter Professur IMD Romanisch an der PH Graubünden aus Laax, vor welchen Herausforderungen er und sein 30-köpfiges Team täglich stehen und worauf Lehrmittelautorinnen sowie -autoren bei der Produktion von einheitlichen Sprachlehrmitteln achten müssen.

In den letzten Jahren hat das Mediomatik-Projektteam 256 Arbeits- und Kommentarhefte entwickelt. Laut Cathomas waren das über 30000 Seiten. 

Herr Cathomas, Anfang des Jahres hat die PH Graubünden eine einheitliche Sprachlehrmittelreihe in den romanischen Idiomen Sursilvan, Sutsilvan, Vallader und Puter fertiggestellt. Wo steht das Projekt Mediomatix zum aktuellen Zeitpunkt?
Rico Cathomas: Mittlerweile haben wir die Sprachlehrmitteilreihe auf das Idiom Surmiran ausgeweitet: Seit Schuljahresbeginn komplettiert nun eine weitere Publikation in romanischem Idiom bis zur zweiten Primarklasse die Mediomatix-Reihe. Weitere Lehrmittel auf Surmiran von der dritten Klasse der Primarstufe bis dritte Klasse der Sekundarstufe I sind in Erarbeitung. Deren Erscheinen ist aufbauend von Schuljahr zu Schuljahr bis 2029 geplant.

Ist es beispielsweise für Lehrerinnen und Lehrer aus dem Surmir eine besondere Herausforderung, wenn sie auf ein neues Lehrmittel umsteigen müssen?
Ja. Sie müssen sich vorstellen, dass diese Lehrpersonen in den letzten zehn Jahren auf Rumantsch Grischun unterrichtet haben. Mit den neuen Sprachlehrmitteln gehen sie aber wieder zurück zu ihrem Idiom. Ein kleiner Vergleich: Rumantsch Grischun ist mit dem Hochdeutsch vergleichbar. Die Idiome sind wie ein ausgebauter Dialekt, in denen die Lehrpersonen nun lehren müssen.

Was war für Sie und Ihr Team der grösste Meilenstein in diesem Projekt?
Ich würde sagen, dass die letzten vier Jahre, als wir Sprachlehrmittel in vier Idiomen gleichzeitig realisieren mussten, für uns besonders herausfordernd waren. Denn wir mussten uns an die zeitliche Vorgabe halten. In diesem Sinne war die Einführung der Sprachlehrmittel in den ersten vier Idiomen Sursilvan, Sutsilvan, Puter und Vallader der grösste Meilenstein. Aktuell konzentrieren wir uns nun auf nur ein einziges Idiom und das macht das Projekt nun ein bisschen einfacher. Hinzukommt, dass wir in den letzten Jahren Erfahrungen sammeln konnten, die wir nun in unsere Arbeit einfliessen lassen können. Nun sind unser Team und unsere Arbeitsabläufe eingespielt.

Mitte August wurden die ersten Sprachlehrmittel im Idiom Surmiran eingesetzt. Waren Sie als Projektleiter dann aufgrund der Erfahrungen in den letzten Jahren weniger nervös?
(Lacht), die Nervosität steigt bei uns immer, wenn das Gut zum Druck da ist und wir die einzelnen Bücher und Hefte in den Händen halten. Selbstverständlich haben wir einen gewissen Respekt davor, wenn die Arbeits- und Kommentarhefte erschienen sind, einzelne Fehler im Nachhinein zu entdecken. Wir setzen aber natürlich alles daran, dass es zu keinen Fehlern kommt. Aber die digitalen Versionen der Mediomatix-Sprachlehrmittel können glücklicherweise jederzeit korrigiert werden.

Ist es ein Vorteil, wenn Lerninhalte und Übungsaufgaben in einem Arbeitsbuch sind, das dann nur einmal gebraucht werden kann? Denn früher wurden die Lehrbücher und Aufgabenhefte separat gedruckt.
Ästhetisch gesehen, ist es fantastisch, wenn man im Unterricht mit schön gestalteten Lehrbücher arbeiten kann. Aber diese Variante ist wegen des Drucks exorbitant teuer. Den Kompromiss mit den Arbeitsbüchern sind wir eingegangen, um finanzielle Mittel sparen zu können. Hinzukommt, dass Arbeitsbücher im Schulunterricht für die Schülerinnen und Schüler einfach praktischer sind. 

Reden wir einmal über das didaktische Konzept von Mediomatix...
…ein wesentliches Element unseres Konzepts ist beispielsweise das Überangebot in den einzelnen Arbeitsbüchern. Das heisst, dass die einzelnen Schulbücher viel mehr Material haben, als im Unterricht während eines Jahres überhaupt benötigt wird. Die Idee dahinter ist, dass das Ganze vom Lehrplan-21 gesteuert wird. Der Lehrplan-21 gibt die Ziele und die Kompetenzen vor, die am Ende eines Schuljahres erreicht werden müssen. Die Sprachlehrmittel helfen diese Lernziele zu erreichen. Früher war es so, dass die Bücher von der ersten bis zur letzten Seite während eines Schuljahres behandelt werden mussten. In unseren Sprachlehrmitteln können Lehrpersonen gewisse Inhalte und Seiten auslassen.

Das heisst, dass die neuen Arbeitsbücher am Ende eines Schuljahres nie ganz durchgenommen werden?
Genau. Das Ziel ist nicht, ein Buch oder Thema «durchzunehmen». Es geht um Kompetenzen, die Schülerinnen und Schüler am Ende eines Schuljahres erlangen müssen.

Es geht also primär um die Kompetenzorientierung.
Man orientiert sich nicht mehr an einem Lehrbuch. Die neuen Arbeitsbücher sind die Hilfsmittel, um eben das Ziel des Lehrplans-21 zu erreichen. Es geht aber auch um die individuellen Lernbedürfnisse der Schülerinnen und Schüler: In einem Klassenzimmer gibt es immer die einen, die schneller sind und die anderen, die etwas länger brauchen. Und deshalb ist dieses Überangebot in den Arbeitsbüchern so bedeutend.

Was bedeutet dies für die Lehrpersonen?
Die Gestaltung eines inklusiven Unterrichts ist ein anspruchsvolles Vorhaben, das die Lehrpersonen vor komplexe Aufgaben stellt. Eine wesentliche Herausforderung besteht darin, die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler differenziert zu erfassen und die Unterrichtsgestaltung auf die individuellen Bedürfnisse abzustimmen - sie müssen also adaptiv unterrichten. Damit sind die Lehrkräfte heute mehr denn je gefordert, denn müssen sich viel intensiver auf den Schulunterricht vorbereiten.

Beim Konzipieren und Erstellen der Sprachlehrmittel hatten Sie klare Vorgaben vom Lehrplan-21. Was bedeutete dies, didaktisch gesehen, für Sie und Ihr Team aus verschiedenen Lehrmittelautorinnen sowie -autoren?
Früher hat man in den Schulen stundenlang den gleichen Inhalt durchgenommen, Lückentexte ausgefüllt und quasi auswendig gelernt. Wir mussten aber den Lerninhalt in den Arbeitsbüchern so zusammenstellen, dass die Schülerinnen und Schüler anschliessend auch komplexere Aufgaben lösen können. Moderne Lehrmittel mit intelligenten Aufgabenstellungen sind Dreh- und Angelpunkt für guten Unterricht.

Es heisst, dass mit Mediomatix einheitliche Sprachlehrmittel in den fünf romanischen Idiomen entstehen. Worin unterscheiden sich aber die Arbeitsbücher in den einzelnen Idiomen?
Ganz klar in den idiomatischen Eigenheiten. Die neuen Sprachlehrmittel haben die Funktion, unsere vielfältigen, regional geprägten Kulturen im Kanton zu pflegen. Mit Mediomatix hat man sich bildungspolitisch für die Stärkung der einzelnen Idiome entschieden. Uns ist es gelungen, die sprachlichen Spezifika der Idiome und die kulturellen Eigenheiten aus den einzelnen Regionen in den Arbeitsbüchern zu integrieren. Nehmen wir beispielsweise die Geschichte des Schellenursli: Ursin ist ein typischer Name aus dem Engadin. Das Fest Chalandamarz gibt es in der Surselva aber nicht. So mussten wir auch auf den Inhalt wie Geschichten, Bräuche, Feste und Lieder der einzelnen Sprachlehrmittel achten. Deshalb können wir Sprachlehrmittel nicht einfach übersetzen.

Und deshalb ist das Mediomatix-Projekt so aufwendig?
Auf jeden Fall. Wir können dem Engadiner nicht zu viel Surselva in den Schulbüchern zumuten und umgekehrt (lacht). Es geht auch darum, dass die Lehrmittel auch möglichst authentisch für den Schulunterricht zu gestalten. Wir haben uns viele Gedanken darüber gemacht, welche Geschichten, Lieder oder Bilder zu den einzelnen Idiomen passen.


"Dabei haben wir teilweise
intensive Diskussionen geführt
und unter anderem mit Jägern,
Geschichtenerzählerinnen,
Illustratoren und Lehrpersonen
zusammengearbeitet".


Es geht hier nicht nur um die Sprachförderung, sondern auch um den Erhalt der
Kulturen?
Absolut. Sprachlehrmittel sind schlussendlich auch ein Transportmittel für die Kultur. Wir haben in Mediomatix auch bestehende Literatur der romanischen Sprache in die Arbeitsbücher eingebunden.

Dafür haben Sie von Anfang an kompetente Lehrmittelautorinnen und -autoren, welche die einzelnen Idiome beherrschen, in Ihrem Team gebraucht.
Um solche Sprachlehrmittel aufbauen zu können, braucht man hochmotivierte Menschen, die sowohl über professionelles linguistisches als auch didaktisches Wissen verfügen. Bekanntlich ist es nicht so einfach, für die einzelnen Idiomen qualifiziertes Personal für ein Projekt in dieser Grössenordnung zu gewinnen. Glücklicherweise ist uns dies gelungen. Denn mit gut qualifiziertem Personal steht und fällt die Qualität eines solchen Projekts.


Quelle:
Das Interview ist am 4.11.2022 in der Zeitung Ruinaulta erschienen. Verantwortlich: Magdalena Ceak


MEDIOMATIX-SERIE
Mit diesem Interview startet die «Ruinaulta» eine Serie, die in loser Reihenfolge erscheinen wird, über die Sprachlehrmitteleihe Mediomatix. Die Redaktion wird den Lehrmittelautorinnen sowie -autoren bei der Entwicklung der Lehrmittel über die Schulter schauen, eine Reportage aus einem romanischen Klassenzimmer schreiben und mit romanischen Lehrpersonen reden.

Professur Integrierte Mehr­sprachig­keits­didaktik Schwerpunkt Romanisch.

Im Zentrum der Professur steht die theoretische und empirische Auseinandersetzung mit den fachdidaktischen Phänomen des Rätoromanischen und der Mehrsprachigkeit. Die forschungsleitenden Fragen sind: Wie lernen Schüler:innen und wie lehren Lehrpersonen Romanisch beziehungsweise mehrere Sprachen? Wie können Lehrmittel diese Lehr-Lernprozesse optimal unterstützen?

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